Als ich mich vor etlichen Jahren auf den Weg nach Florenz machte, um die Geheimnisse der alten Meister "endlich richtig" zu lernen, war mir noch nicht klar, dass es DIE besondere Technik garnicht gibt. Wodurch kam die Faszination alter Gemälde zustande?

Waren es die Materialien die damals zur Anwendung kamen und das Wissen um ihren optimalen Einsatz? War es der Geist des Malers, der aufs beste darin geschult war, eine Idee bildlich umzusetzen? Waren es die großen Lehrwerkstätten, in denen Lernende in einem lebendigen Umfeld von Tradition standen aus dem sie, auch durch die Reibung damit, gestärkt im eigenen Ausdruck hervorgingen?

Ich beneidete diese "Lehrlinge" so sehr! (Natürlich identifizierte ich mich mehr mit den "Alten Lehrlingen" als den "Alten Meistern").

Was hatten wir heute schon dagegenzusetzen? Für meine Freunde mit Kunststudium stellte sich diese Frage größtenteils gar nicht. Sie wälzten sich entweder acrylfarbenbeschmiert und nackt über die Leinwand um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, oder kopierten detailgenau Madonnen aus dem Quattrocento. Im ersten Fall wich meine Begeisterung schnell einem Gähnen, im zweiten Fall gab es zwar vor der maltechnischen Leistung große Achtung, diese kam aber nur auf in Verbindung mit einer museal angehauchten Staubschicht, die ich aus dem Museum selber so wiederum gar nicht kannte. Also stellte sich die Frage: Was kann mir Kunst heute sein?

Die hochwertige Maltechnik und die lebendige Ausstrahlung des historischen und deshalb natürlichen Materials, konnten als Wert in sich nicht ausreichen. Genausowenig konnte es die Kopie eines geistigen Inhalts sein, der vor vielen Jahrhunderten seine Gültigkeit besaß. Andererseits war ich sicher, dass die Faszination für einen spontanemotionalen, ichbezogenen Ausdruck keine achthundert Jahre überdauern würde. Was also ist mir die Kunst?

Seit ich diese Frage stelle, habe ich das Gefühl "in die Lehre" zu gehen, angeschlossen zu sein an das geistige Feld der Kunst, die auch eine Existenz in sich selber hat. Dabei wird mit jedem gemalten Bild klarer, dass kein Grund zum Neid auf die "Alten Lehrlinge" besteht. Gibt es heute nicht eine nie dagewesene Freiheit darin, wie wir uns zu unserer Welt in Beziehung setzen,welche Wahrnehmung wir von ihr haben und wie wir das bildlich ausdrücken können und dürfen?

Haben wir nicht sogar einen maltechnischen Vorteil gegenüber den "Alten", wenn wir nicht das jetztzeitig Verfügbare als höchsten Stand der Entwicklung betrachten, sondern uns auch der reichhaltigen Schätze bewusst werden, aus denen die moderne Kunst hervorgegangen ist?

In einem von schnellverfügbarem Konsum geprägten Umfeld findet die Kunst einen entsprechenden Ausdruck. Sowohl vom Inhalt, als auch von Malmaterial und -technik ist eine "Verarmung der Ausdrucksmittel"* festzustellen. Warum also nicht auch hier den Wert von "Slowfood" wiederentdecken?

Cennina's ist für mich ein Ergebnis dieser zutiefst bereichernden Forschungsreise. Großen Dank an meinen Freund und Lehrer Bernd Finkenwirth, der dazu beiträgt, das Fragen wachzuhalten.

 

                                                                                         

 

                                                                             Aline Ehrhardt, im Frühjahr 2015

 

 

 

 

 

 

*Zitat: Bernd Finkenwirth