Zur Beschreibung der Silberstifttechnik möchte ich Cennino Cennini zu Wort kommen lassen. Dazu die Kapitel 5 bis 9 aus seinem  Il libro dell'arte von 1400:

 

      Wie man auf dem Täfelchen zu zeichnen beginnt und in welcher Reihenfolge.

• Kap.5 Wie gesagt wurde, beginnst du mit dem Zeichnen. Es ist hilfreich für dich, eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten, um beginnen zu können, möglichst wahrheitsgetreu zu zeichnen. Fürs Erste nimm ein Täfelchen aus Buxbaum, jede Seite eine Handlänge, wohl geglättet und rein, nämlich mit klarem Wasser gewaschen, mit Pulver aus Sepiaschalen gerieben und geglättet, und zwar mit denen, die die Goldschmiede zum Abformen benutzen. Wenn nun das Täfelchen gut getrocknet ist, nimm genügend Knochen, die zwei Stunden lang gemahlen wurden, soviel wie nötig, je feiner desto besser. Dann nimm das Knochenpulver zusammen und hebe es, in ein trockenes Papier gewickelt, auf. Und wenn du damit ein solches Täfelchen grundieren musst, so nimm etwas weniger als eine halbe Bohne groß von diesem Knochenstaub oder noch weniger. Mische denselben mit Speichel und verteile ihn über das ganze Täfelchen, indem du ihn mit dem Daumen ausbreitest. Und ehe es trocknet, halte das Täfelchen mit der Linken und schlage so mit den Fingerspitzen der Rechten darauf, bis du siehst, dass es völlig trocken ist. Und so wird an allen Stellen das Knochenpulver gleichmäßig aufgetragen.

 

                      Wie man auf verschiedene Arten von Tafeln zeichnet.

• Kap.6  Zu eben diesem ist ein Täfelchen von genügend altem Feigenholz gut. Auch gewisse Täfelchen, die bei Kaufleuten benutzt werden und aus Pergament bestehen, welches mit Gips grundiert und mit Bleiweiß bedeckt sind. Das Auftragen des Knochenmehls erfolgt in der beschriebenen Weise.

 

 

                  Welche Art von Knochen zum Grundieren der Tafeln gut ist.

• Kap.7 Es ist nötig zu wissen, welcher Knochen tauglich ist. Nimm den Knochen von den Rippen und den Flügeln der Henne oder des Kapauns. Je älter desto besser; wie du sie unter dem Tische findest, lege sie ins Feuer und sobald du siehst, dass sie gut weiß geworden sind, mehr noch als Asche, so nimm sie heraus und mahle sie gut mit dem Porphyrstein und gebrauche sie danach so, wie ich oben gesagt habe.

 

                                                        Wie man mit dem Stift zu zeichnen beginnt und bei welchem Licht.

• Kap.8 Auch der Knochen von der Keule oder der Schulter des Hammels ist gut, auf die gesagte Art gebrannt. Dann aber nimm einen Stift aus Silber oder Kupfer oder woraus sonst, nur dass die Spitze silbern sei, fein, geglättet und schön. Dann beginne nach dem Vorbild leichte Sachen zu entwerfen, so viel du kannst, um die Hand zu üben, und mit so leicht die Tafel berührendem Stifte, dass kaum sichtbar ist, was du zu zeichnen beginnst. Deine Striche nehmen zu, indem mehrmaliges Hin- und Herziehen den Schatten hervorbringt. Möchtest du es dunkler machen? Je dunkler du die Schatten an den Umrissen haben willst, um so häufiger kehre zurück; und gehe im entgegengesetzten Fall wenig über die lichten Stellen.

Und es seien, auf dass du solches ersehen könnest, das Sonnenlicht, dein Augenlicht und deine Hand Wegweiser und Führer; denn ohne diese drei Dinge lässt sich nichts richtig unternehmen. Aber mache, wenn du zeichnest, dass du gemäßigtes Licht hast und die Sonne dir von links einfällt. Und so fange an, dich im Zeichnen zu üben, nur wenig an einem Tag, damit es dir nicht lästig und leid wird.

 

                                          Wie du je nach der Bescha enheit des Lichtes deinen Figuren das Hell und Dunkel

                                                 (chiaro e schuro)geben sollst und ihnen dadurch Relief (rilievo) verleihst.

• Kap.9 Falls es dir zufällig beim Zeichnen und Entwerfen in Kapellen, oder beim Malen an andern ungünstigen Orten geschähe, dass du das Licht nicht auf deiner Hand haben könntest oder so, wie du es gewohnt bist, dann musst du deinen Figuren oder Zeichnungen mehr nach der Stellung der Fenster in den Räumen, die dir Licht spenden können, ihr Relief geben. Und so bringe, dem Licht folgend, von welcher Seite es kommt, dein Licht und Dunkel auf besagte Weise an. Und wenn dir das Licht mitten ins Gesicht oder eigentlich dem Blick entgegen fiele und glänzte, so bilde dein Relief auf ähnliche Art hell, und das Dunkle nach angegebener Regel. Und wenn das Licht aus einem Fenster günstig wäre, das größer ist als ein anderes in diesem Raum, so folge immer dem besseren Licht und wolle es vernünftigerweise nutzen und ihm folgen, da dein Werk, wenn dieses fehlte, ohne Relief eine einfältige und mit wenig Meisterschaft gefertigte Sache wäre.

 

Auch wenn die Grundierung noch heute auf diese Weise hergestellt werden kann, gibt es auch zeitgemäßere Möglichkeiten: Eine sehr einfache Art ist Grundierweiß zu kaufen (es kann ruhig das Fertige mit Acrylbinder sein) und dieses mit vorher eingesumpftem Lithopone (Zinksulfid) zu mischen. Dieses schwefelhaltige Pigment bewirkt die Oxydation mit dem Silberabrieb des Stiftes. Das zeigt sich aber erst nach und nach.

Sie können diese Farbe auch mit Pigmenten versetzen um Pastelltöne zu erreichen. Am besten lässt sie sich in einer etwa joghurtdicken Konsistenz mit einer kleinen Lackrolle aus Schaumgummi auftragen, diese gibt es oft günstig im Baumarkt. Ich habe lange mit Papiersorten experimentiert und benutze meistens doch relativ wenig strukturierte Oberflächen und dünneres Papier in kleinen Formaten. Ich presse das grundierte Papier wenn es trocken ist noch in dicken Büchern, um es wieder glatt zu bekommen. Man kann es aber auch vor dem Grundieren mit Klebeband fixieren wie ein Aquarellbild, damit es sich nicht zu sehr wellt.
Gutes Gelingen!

 

Bild oben: Albrecht Dürer:  Selbstbildnis mit dreizehn Jahren, 1484

Silberstiftzeichnung